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9. und letzte Folge: „Zwei Gemälde – ein Meister?“

Die Restaurierung des Gemäldes „St. Trudpert und sein Kloster“ führte zu einer äußerst überraschenden Entdeckung, die über die zunächst geplanten konservatorischen und restauratorischen Maßnahmen hinausging: Bei der Abnahme des alten Firnis und früherer Retuschen (vgl. Folge 2) offenbarten sich in einigen Bildbereichen Formen und Farbflächen, die unter der Malerei liegen und sehr wahrscheinlich von dem Meister selbst übermalt wurden!

Bei genauer Betrachtung des Gemäldes sind die Untermalungen mit bloßem Auge zu erkennen, da sie nicht vollständig abgedeckt wurden. Es zeichnen sich Formen und Farbflächen ab, die sich von der darüber liegenden Malerei gänzlich unterscheiden – einzelne Motive wurden scheinbar vollkommen verändert!


„Der große Bruder“ in der Pfarrkirche St. Trudpert


Recherchen in den Dokumentationsunterlagen des Museums am Burghof ergaben Hinweise auf ein Gemälde in der Pfarrkirche St. Trudpert im Münstertal/Schwarzwald, das sich im sogenannten „Trudpertsaltar“ befindet und große Ähnlichkeiten mit dem Gemälde aus der Museumssammlung aufweist. In der Inventarliste des alten Lörracher Heimatmuseums wurde bereits 1930 bei der Übernahme des Gemäldes vermutet, dass „ohne sich auf den unmittelbaren Vergleich der beiden Bilder stützen zu können ... das Bild aus dem Keller-Besitz ein eigenständiges Kunstwerk mit starker Anlehnung an das Vorbild aus der Klosterkirche darstellt“.

Bei einem Besuch in der Pfarrkirche, der ehemaligen Klosterkirche von St. Trudpert, konnte der „Trudpertsaltar“ nun genauer besichtigt werden. Ein besonderer Dank geht an dieser Stelle an Pfarrer Johann Schäfer von der Pfarrgemeinde St. Trudpert, der uns den Zugang zu dem Altar ermöglichte und interessante Informationen zu Kirche und Heiligenlegenden gab.

Abb. 39 Die Altäre in der Pfarrkirche St. Trudpert
Web-Dokumentation
Der „Trudpertsaltar“ befindet sich in einer Seitenkapelle des Langhauses und trägt die Aufschrift „ALTARE CONFRAT(rum) S(anctus) M(artyr) TRUTPERTI“, was ihn als sogenannten „mitbrüderlichen Altar“ ausweist. Er steht damit gleichberechtigt neben den anderen Seitenaltären der Kirche, die verschiedenen Heiligen gewidmet sind und den Mönchen zum Gebet dienten.

Links neben dem „Trudpertsaltar“ steht der Christus geweihte Kreuzaltar mit einem Altarblatt von Jacob Carl Stauder (1713). Der Hochaltar zeigt unter anderem eine Darstellung des Heiligen Trudpert am Ort seines Martyriums.


Vergleich der beiden Gemälde


Das Altarbild in St. Trudpert ähnelt dem Gemälde aus der Museumssammlung stark in Darstellung und Bildaufbau. Trotz seiner geschwungenen Form und der wesentlich größeren Bildmaße sind viele Parallelen erkennbar:Auf beiden Gemälden trägt der Heilige Trudpert barocke Kleidung. Er sitzt auf einer Wolke und ist von Engeln umgeben, die verschiedene Attribute des Heiligen halten. Im unteren Bilddrittel erstreckt sich die Klosteranlage von St. Trudpert, wie sie vermutlich in der Zeit nach 1756 bestand.

Web-Dokumentation                    Web-Dokumentation
Abb. 40 Das Altargemälde im               Abb. 41 'St. Trudpert und sein
'Trudpertsaltar'                                   Kloster' aus der Sammlung des
© Bernhard Pfefferle, Münstertal           Dreiländermuseums Lörrach



Auf den zweiten Blick ergeben sich jedoch Unterschiede in der Darstellung: Das Altargemälde zeigt zur Linken des Heiligen Trudpert einen Engel mit einem Modell der Trudpertskapelle, während auf dem Museumsgemälde an dieser Stelle zwei Engel mit Pilgerstab und Pilgermantel, den Attributen des Heiligen zu sehen sind. Diese Attribute werden auf dem Altarbild von einem Engel zur Rechten des Heiligen gehalten, während der entsprechende Engel auf dem Museumsgemälde lediglich den Umhang des Heiligen berührt.

Im rechten Bildbereich ist auf dem Altargemälde ein Engel mit blau-weißem Flügel dargestellt, der in seiner rechten Hand eine Axt hält. Auf dem Museumsgemälde sieht man an dieser Stelle eine Engelsgruppe mit Axt und Palmzweig, zwei weiteren Attributen des Heiligen Trudpert.

Der Kopf des Heiligen Trudpert wird auf dem Altargemälde, passend zu der geschwungenen Form, auf beiden Seiten symmetrisch von je einem Engel umgeben. Auf dem Gemälde aus der Museumssammlung hingegen wurden die beiden Engel auf eine Seite schräg oberhalb des Kopfes platziert, was vom Bildaufbau her der rechteckigen Gemäldeform entspricht.

Abb. 42 Detail 'Trudpert' aus dem Altargemälde
Web-Dokumentation

 
Abb. 43 Detail 'Trudpert' aus dem Museumsgemälde
Web-Dokumentation

Neben diesen Abweichungen in der Darstellung sind jedoch auch in der malerischen Ausarbeitung und Farbgebung Unterschiede zu erkennen:
Das Altargemälde in der Pfarrkirche weist einen helleren Grundton auf, zarte Pastelltöne beherrschen die Malerei. Besonders die Gesichter sind nicht so detailliert und plastisch ausgearbeitet, wie auf dem Museumsgemälde. Dieses zeigt eine satte und leuchtende Farbgebung, die Motive sind graphischer dargestellt.


Untermalungen werden sichtbar


Betrachtet man den linken Bereich des Museumsgemäldes genauer, bemerkt man etwas Überraschendes: Direkt oberhalb der beiden Engel ist im blauen Hintergrund eine Dreiecksform zu erkennen, die an einen Dachgiebel erinnert. Unter dem braunen Pilgermantel scheinen Faltenwürfe in einem helleren Gelbton durch die Malerei! War an dieser Stelle etwa ursprünglich, wie auf dem Altarbild, ein Engel mit Kapellenmodell dargestellt?

Web-Dokumentation                     Web-Dokumentation
Abb. 44 Detail 'Engel mit Pilger-             Abb. 45 Zum Vergleich das Detail
attributen' aus dem Museums-              'Engel mit Kapelle' aus dem
gemälde                                             Altargemälde


Ähnlich verhält es sich im rechten Bereich: Auf dem Altargemälde wird die Axt von einem Engel mit blau-weißem Flügel gehalten; vor ihm betrachtet ein kleiner Puttenkopf den Heiligen. Auf dem Museumsgemälde ist an der entsprechenden Stelle eine Engelsgruppe mit Axt und Palmzweig dargestellt.

Bei genauer Betrachtung des Leinwandgemäldes werden auch an dieser Stelle Untermalungen sichtbar: Unter der Engelsgruppe erkennt man eine blau schimmernde Farbfläche sowie die Formen zweier Arme und eines Gesichts – ein durchscheinender, inkarnatfarbener Arm reicht bis zur Axt, der andere liegt unterhalb des ausgestreckten Zeigefingers. Unterhalb des Armes mit der Axt erkennt man ein Gesicht, das dem des Engels auf dem Altargemälde ähnelt!

Web-Dokumentation                 Web-Dokumentation
Abb. 46 Detail 'Engel mit Axt             Abb. 47 Zum Vergleich das Detail
und Palmzweig' aus dem                   'Engel mit Axt' aus dem Altar-
Museumsgemälde                            gemälde


Sollte etwa demnach auch an dieser Stelle das Motiv nachträglich verändert worden sein? Oder wurde es bereits während des Malprozesses korrigiert? Stammen die Gemälde von demselben Meister oder wurde das Gemälde aus der Museumssammlung als „Kopie“ des Altarbildes von einem anderen Maler angefertigt? Und gibt es womöglich noch weitere Untermalungen, die man nicht mit bloßem Auge erkennen kann?


Der Heilige Trudpert wird „geröntgt“


Um diesen spannenden Fragen auf den Grund zu gehen, wurde ein ungewöhnliches Experiment gewagt – das Gemälde „St. Trudpert und sein Kloster“ wurde im Kreiskrankenhaus Lörrach geröntgt!

Abb. 48 Dr. Rozeik beim Einstellen des Röntgengerätes
Web-Dokumentation
Das Röntgen von Gemälden stellt eine gängige Untersuchungsmethode in der Restaurierung dar, anhand derer Veränderungen in tiefer liegenden Malschichten sichtbar gemacht werden können. Bei der Betrachtung des Gemäldes mit bloßem Auge müssen solche Veränderungen nicht unbedingt erkennbar sein. Beim Röntgen eines Gemäldes werden jedoch alle auf der Leinwand liegenden Farb- und Grundierungsschichten durchleuchtet, wobei die darin enthaltenen Pigmente die Röntgenstrahlen unterschiedlich stark absorbieren. Dadurch wird ein Röntgenbild abgezeichnet, das Hinweise auf Untermalungen geben kann.

Das Röntgen des Gemäldes erfolgte unter der Leitung von Dr. Christoph Rozeik und seinem Team von der Abteilung Nuklearmedizin und Radiologie, bei dem wir uns ganz herzlich für die spontane Unterstützung in diesem eher ungewöhnlichen Fall bedanken. Ein weiterer Dank geht an Dr. Bernd Warkentin für die Vermittlung des Kontakts und die tatkräftige Unterstützung.


Web-Dokumentation             Web-Dokumentation
Abb. 49 Das untersuchte Detail         Abb. 50 Das Röntgenbild lässt
‚Engel mit Axt und Palmzweig’           unterschiedliche Malschichten erkennen.
aus  Museumsgemälde                     Der helle Querstreifen ist eine Strebe
                                                     des Keilrahmens                              



Web-Dokumentation
Abb. 51 Zum Vergleich das Detail
"Engel mit Axt aus dem Altargemälde 


Gute Ergebnisse brachte das Röntgen des rechten Bildbereichs: Hier wurde die ursprünglich angelegte Form eines Engels mit blau-weißem Flügel deutlich sichtbar. Der große Flügel, das Gewandtuch des Engels sowie sein nackter Arm sind auf dem Röntgenbild klar zu erkennen. Überlagert wird der Flügel von dem Arm des Engels, wie er tatsächlich auf dem Museumsgemälde zu sehen ist – am ausgestreckten Zeigefinger ist er gut zu identifizieren. Auch die überlagerten Gesichter beider Engel sind zu erkennen. Im Vergleich mit dem Altarbild wird deutlich: Dieser Teil des Gemäldes „St. Trudpert und sein Kloster“ war ursprünglich genauso angelegt wie der entsprechende Bereich des Altarbildes!

Das Röntgen des linken Bildbereichs mit der durchscheinenden Dreiecksform und den Faltenwürfen brachte dagegen keine weiteren Untermalungen zum Vorschein. Es bleibt daher zu vermuten, dass das Motiv an dieser Stelle ebenfalls zunächst in der Form vorgezeichnet wurde, wie es auf dem Altarbild zu sehen ist, und anschließend korrigiert wurde. Ob die Stelle weiter ausgemalt wurde, kann jedoch nicht von dem Röntgenbild abgelesen werden.

In den übrigen Bildbereichen wurden keine Untermalungen gefunden. Es spricht daher viel dafür, dass die Korrektur der Formen und Farbflächen bereits während des Malprozesses erfolgte, der Maler sich im Übrigen aber an der Darstellung des Altarbildes orientierte.


Ergebnisse


Die unterschiedliche malerische Ausarbeitung der beiden Gemälde lässt sehr wahrscheinlich auf zwei verschiedene Meister schließen. Da das Museumsgemälde weder Signatur noch Jahreszahl aufweist, kann die nahe Verwandtschaft zu dem Gemälde in der Pfarrkirche für eine grobe Datierung herangezogen werden.

Quellen zufolge stammt das Kirchengemälde aus der Zeit um 1764, es wird dem Maler Johann Pfunner (1716-1788) zugeschrieben. Das Gemälde „St. Trudpert und sein Kloster“ aus der Sammlung des Museums am Burghof wurde bislang in die 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts datiert, der Maler ist nicht bekannt. Aufgrund der korrigierten Bereiche im Museumsgemälde kann zumindest davon ausgegangen werden, dass der Maler das Altargemälde kannte, er kann es demnach nicht früher als Johann Pfunner angefertigt haben.

In einschlägigen Lexika findet sich kein Hinweis auf ein weiteres Gemälde, das den beiden vorliegenden Bildern so stark ähnelt. Auch in der Region sind keine vergleichbaren Darstellungen bekannt. Der Heilige Trudpert wird heute noch an verschiedenen Orten verehrt, in denen die Abtei St. Trudpert einst Besitztümer hatte, wie beispielsweise der Berghauser Kapelle St. Trudpert in Ebringen. Auch in Biengen oder in der Ehrentrudis-Kapelle in Munzingen sind Figuren des Heiligen zu finden, die jedoch nicht mit den Darstellungen in Lörrach oder St. Trudpert vergleichbar sind.

Nach den bisherigen Erkenntnissen bleiben daher noch einige Fragen offen: Diente das Kirchengemälde tatsächlich als Vorlage für das Gemälde „St. Trudpert und sein Kloster“? Wofür wurde das Leinwandgemälde ursprünglich angefertigt und weshalb wurden die beschriebenen Motive korrigiert? Wer war der unbekannte Meister und wann genau schuf er das Gemälde?

Diese Aspekte können zum jetzigen Zeitpunkt nicht abschließend geklärt werden. Sie machen weitere Nachforschungen erforderlich, die über die hier zu leistende Restaurierung und Dokumentation hinausgehen. Einige Dinge konnten bereits erforscht werden, andere liegen noch im Verborgenen – daher bleibt abzuwarten, ob der Heilige Trudpert irgendwann auch seine letzten Geheimnisse offenbart...!

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