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Ein wahrer kunsthistorischer Schatz – wenn auch erst auf den zweiten Blick

Lörrach, 16. September 2019

Es befindet sich derzeit in der aktuellen Ausstellung zur Burg Rötteln: Ein männliches Büstenreliquiar aus der Mauritiuskapelle in Nordschwaben. Ein kunsthistorischer Blick im Zusammenhang mit dem 2019 so präsenten Basler Münster erzählt eine spannende Geschichte.


Auf den ersten Blick wirkt unser Stück recht unscheinbar, die aus Holz geschnitzte Büste weist viele Wurmlöcher und Risse auf. Der schlechte Zustand rührt daher, dass sie jahrelang der Witterung ausgesetzt war: Als Außenfigur stand sie in einer Nische der 1267 erstmals erwähnten Mauritiuskapelle in Nordschwaben.
Nordschwabener Büstenreliquiar
Dargestellt ist ein Jüngling mit aufwendiger Lockenfrisur und filigranem Stirnreif. Acht Löcher entlang des Reifs zeugen von ursprünglich eingelegten Schmucksteinen. Die Oberfläche war bunt bemalt, was Farbspuren belegen. Die kreisrunde Aushöhlung im Kopf diente zur Aufbewahrung einer Reliquie. Reliquiare im Typus einer Büste sind aufgrund der Darstellung des menschlichen Antlitzes besonders eindrücklich. In unserem Fall kann vermutet werden, dass es sich um eine Kopfreliquie wie etwa ein Schädelfragment handelte, und sich daraus die Form der Büste ergab - form follows function im wahrsten Sinne des Wortes. Berühmte Vergleichsbeispiele aus der Region sind die beiden Büstenreliquiare der Heiligen Ursula und Pantalus aus dem Basler Münsterschatz, welche aus der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts und dem beginnenden 14. Jahrhundert stammen. Diese enthielten nachgewiesenermaßen Schädelreliquien.
Nordschwabener BüstenreliquiarAuf den zweiten Blick ist die hohe künstlerische Qualität der Büste erkennbar: Der lange Hals, die kunstvoll geschnitzte Haartracht und die feinen Gesichtszüge mit den mandelförmigen Augen sprechen für eine gotische Datierung in die zweite Hälfte des 13. Jahrhunderts.
Mit der Mauritiuskapelle als Fundort könnte es sich bei dem Jüngling um die Darstellung des heiligen Mauritius handeln, dessen Gedenktag der 22. September ist. Als Anführer der Thebäischen Legion erlitt Mauritius im 4. Jahrhundert n. Chr. das Martyrium.
Warum steht ein Büstenreliquiar aus Nordschwaben nun in einer Rötteln-Ausstellung? Zum einen ist aus ikonographischer Sicht neben der Darstellung des Mauritius auch die Darstellung eines Ritters denkbar, spiegelt doch seine Haartracht die Mode der höfischen Gesellschaft wider: Ritter und höfischer Glanz gehörten zum Leben auf Burg Rötteln ebenso dazu wie Schwerter und Ofenkeramik. Zum anderen spielt die stilistische Verwandtschaft mit Skulpturen des Basler Münsters eine Rolle: Das Hauptportal des Basler Münsters zeigt das Kaiserpaar Heinrich II. und Kunigunde auf der linken Seite, einen Verführer mit einer törichten Jungfrau auf der rechten Seite. Die auffallende Ähnlichkeit dieser Skulpturen mit unserem Stück lässt auf einen gemeinsamen Künstlerumkreis schließen. Für die Herren von Rötteln, denen in der Sonderausstellung ein eigener Raum gewidmet ist, spielte das Basler Münster eine bedeutsame Rolle, da gleich drei Mitglieder dieses Adelsgeschlechts zu Basler Bischöfen ernannt wurden. Apropos Basler Münster: 2019 feiert Basel das 1000-jährige Jubiläum der Heinrichsweihe, die 1019 in Gegenwart des letzten ottonischen Kaisers Heinrich II. stattfand.
Das Nordschwabener Büstenreliquiar ist noch bis 17. November in der Rötteln-Ausstellung zu sehen. Es hat sich einen hohen Stellenwert für die Lörracher Sammlung verdient und steht solch exquisiten und berühmten Stücken wie jenen aus Basel in nichts nach. Eben erst auf den zweiten Blick.

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