Kolloquium 2017 in Offenburg

Am Samstag, 14. Oktober 2017, lud das Comité trinational des Netzwerks Geschichtsvereine am Oberrhein in Zusammenarbeit mit dem Historischen Verein für Mittelbaden e. V. zum 4. Grenzüberschreitenden Geschichtskolloquium nach Offenburg ein. Die inhaltliche Organisation lag
bei den Mitgliedern des trinationalen Comitès, welche zur Hauptsache auch die Moderation der Tagung bestritten. Tatkräftige Hilfe bei den Vorbereitungen und bei der Durchführung lag beim gastgebenden
Historischen Verein für Mittelbaden (Klaus Kaufmann und Klaus Gras) und beim Alemannischen Institut e.V. Freiburg (Dr. Johanna Regnath).

Nach einem Grusswort von Offenburgs Bürgermeister Hans-Peter Kopp und der Begrüssung durch die Organisatoren kamen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus drei Ländern in den Genuss von fünf Referaten, deren Themen in einem zeitlichen Raum angesiedelt waren, der sich von der Zeit der Reformation bis zu unseren Tagen erstreckt.

Reformation und Reformation am Oberrhein


Den Reigen der Referate eröffnete Peter Kunze (Weil am Rhein). Er gab einen Überblick über die ganz frisch im Dreiländemuseum Lörrach eröffnete, große Sonderausstellung «Reformationen – Der große Umbruch am Oberrhein», die noch bis zum 8. April 2018 zu sehen ist und von einer
Reihe von Veranstaltungen umrahmt wird. Die Ausstellung legt den Fokus auf den Südwesten Deutschlands, die Schweiz und den Sundgau. Ausgehend von der Situation vor 500 Jahren, verfolgt sie den Transfer der reformatorischen Ideen in die verschiedenen Städte und die Herausbildung
von Netzwerken, das Aufeinanderprallen unterschiedlicher Auffassungen
auf Seiten der Reformierten und Protestanten, das Wirken der Gegenreformation und der lange Weg zur Toleranz. Von den rund 200 Exponaten, die gezeigt werden, dürften achtzig bis neunzig Prozent aus
den Beständen des Dreiländermuseums stammen.

In seinen Ausführungen ging Peter Kunze auch auf die Weltsicht Martin Luthers (1483 – 1546) ein. Luther trieb die Frage nach dem gnädigen Gott um; er konzentrierte sich auf Glaubensfragen. Dabei fühlte er sich allen Ängsten seiner Zeit ausgesetzt (Stichworte: Hexen, Juden, Antichrist).
Ein Bewusstsein für die künstlerischen und wissenschaftlichen Entwicklungen fehlte Luther dagegen. Peter Kunze wies auch darauf hin, dass sich Humanisten und Reformatoren zwar gegenseitig befruchteten, aber oft nicht wirklich verstanden.


Ein Zinngießer erinnert sich

Im Zentrum des folgenden Referats «Les exiles confessionels d’Augustin Güntzer, calviniste alsacien dans la tourmente de la guerre de 30 ans» von Monique Debus-Kehr (Colmar) stand ein calvinistisch gesinnter Glaubensflüchtling in den Wirren des Dreissigjährigen Kriegs, der von 1618
bis 1648 dauerte. 
Augustin Güntzer wurde 1596 im elsässischen Obernai geboren und  erlernte den Beruf des Zinngießers. Nach Abschluss seiner Lehre begab er sich auf die traditionelle Wanderschaft der Handwerker durch mehrere Länder. Wieder zurück in der Heimat, hielt es ihn dort nicht allzu lange
und er begab sich auf eine zweite Wanderschaft. Nach seiner Rückkehr lebte er in Colmar, Strassburg und schliesslich – verarmt – bei Tochter und Schwiegersohn in Basel.
Die Gründe dafür, dass Güntzer, der in Colmar eine reiche Witwe heiratete, verarmte, sind zum einen darin zu suchen, dass sich in den unsicheren Kriegszeiten als Zinngießer schlecht Geld machen ließ. Zum andern liegen sie auch in den verschiedenen, den calvinistischen Überzeugungen Güntzers geschuldeten Umzügen. Sein Vermögen schwand nicht nur wegen der Transportkosten, sondern auch wegen der Summen, die er jeweils aufbringen musste, um das Bürgerrecht zu erwerben und sich in die Zunft einzukaufen. In Basel fehlte ihm dazu das Geld und so musste er sich als Zuckerbäcker und Wanderhändler durchschlagen. 
Wohl dem Bedürfnis, sich gegenüber seinen Kindern zu rechtfertigen, ist sein «Kleines Bichlin von meinem gantzen Leben» (2002 bei Böhlau erschienen) beiden Reisen, aber auch von seinen religiösen Auffassungen und seinem Glauben, die dazu führen, dass er am Rande der Gesellschaft lebte. Die Sprache, in der Augustin Güntzer schrieb, ist, wie Monique Debus-Kehr darlegte, ein Deutsch, in dem sich französische Einsprengsel finden. Was das Büchlein besonders interessant macht, ist der Umstand, dass darin ein Handwerker zu Wort kommt, der die Welt anders sieht als ein humanistisch gebildeter Reiseschriftsteller.


Das Elsässer Schulwesen im Zweiten Weltkrieg

Das Elsass sah sich in den letzten 150 Jahren mehrmals mit einem Wechsel
seiner nationalstaatlichen Zugehörigkeit konfrontiert. Diese hatte jeweils auch Folgen für das Schulsystem. Was das für die Jahre des Zweiten Weltkriegs bedeutete, war Thema des Vortrags «Die Umschulung der Elsässer zwischen 1940 und 1944 / 45» von Daniel Morgen (Colmar).
Morgen konnte sich dabei auf seine umfangreichen Untersuchung «Memoires retrouvées des enseignants alsaciens en Bade, des enseignants badoises en Alsace: Umschulung 1940 – 1945» (Documents Actua 2014) stützen.
Um den Schulunterricht im besetzten Elsass in ihrem Sinne umzugestalten, setzten die Nationalsozialisten beim Lehrkörper an. Fortan durften Priester und Nonnen nicht mehr unterrichten. Rund 700 Lehrer galten als unerwünscht und wurden ausgewiesen. Juden und frankophilen Beamten,
die vor dem Vormarsch der deutschen Truppen geflohen waren und nach dem Waffenstillstand aus dem unbesetzten Teil Frankreichs ins Elsass zurückkehren wollten, wurde dies verwehrt. Wer weiter unterrichten wollte, musste eine Erklärung unterschreiben, dass er oder sie die «Heimkehr» des Elsass ins «Reich» befürworte. Zudem mussten namentlich diejenigen Lehrkräfte, die während der Zugehörigkeit des Elsass zu Frankreich
ausgebildet worden waren, ein Praktikum machen oder Kurse belegen, zum Teil auch Parteischulen in Baden besuchen.
Daniel Morgen kommt aufgrund seiner Untersuchungen zum Schluss, dass dem Elsass als Folge der deutschen Maßnahmen nach 1940 rund 1000 Lehrkräfte fehlten. Zum Teil wurden darauf auch deutsche Lehrer ins Elsass geholt. Mit einigen von ihnen hat Morgen noch Interviews führen können. Zu ihnen gehörte auch eine Frau aus Baden, die kaum zwanzigjährig als Lehrerin in ein Elsässer Dorf geschickt wurde, in dem nur Französisch
gesprochen wurde und wo sie nicht sehr willkommen war. Daneben interviewte Morgen auch Elsässerinnen, die während der Nazizeit in Baden für den Schuldienst ausgebildet worden waren.


Chemie hinter verschlossenen Türen

Um die Basler Chemie und ihr zeitweise schwieriges Verhältnis zur deutschen chemischen Industrie ging es im Referat «Ungemütliche Nachbarn» von Mario König (Basel). Beim Stichwort «ungemütlich» denkt
man in Basel im Zusammenhang mit der chemischen Industrie fast schon unwillkürlich an die Nacht des 1. November 1986, als in Schweizerhalle ein Lagerhalle von Sandoz in Flammen aufging und das Löschwasser den Rhein verseuchte. Ungemütlich war das auch für unsere deutschen (und elsässischen) Nachbarn, die zudem noch viel zu spät alarmiert und
informiert wurden.
Nach dieser Rückblende auf die Sandoz-Katastrophe befasste sich König mit einem bisher kaum bekannten Kapitel der Industriegeschichte, in dem es für die Basler Chemie als Ganzes ungemütlich wurde.
Anfang des 20. Jahrhunderts lagen 80 Prozent des Weltmarkts für Anilinfarben in den Händen deutscher Chemiefabriken. Demgegenüber kamen die Basler Chemiefabriken immerhin auf beachtliche 10 Prozent. Der Erste Weltkrieg bedeutete auch für die Farbhersteller ein bedeutender
Einschnitt. Für die Deutschen war der Zugang zum Exportmarkt erschwert;
die Basler hätten in dieser Situation stark zulegen können, allerdings mangelte es ihnen am nötigen Rohstoff, den ihnen die deutschen Unternehmen nicht liefern mochten. Nach Ende des Kriegs drängte die deutsche Chemie wieder auf den Weltmarkt zurück, und es kam zu einem harten Preiskampf. Ab 1922 wurden wiederholt Geheimgespräche zwischen Vertretern der Basler und der deutschen Chemie geführt.
Dabei drohte man der Schweizer Seite mehrmals mit feindlichen Firmenübernahmen; diese gab sich in der Form konziliant, mochte aber nicht einfach klein beigeben. 1929 kam es schließlich zur Bildung eines internationalen Farbstoffkartells, mit dem der Zerfall der Preise verhindert werden sollte. Damit waren die deutschen Umarmungsversuche vorerst abgewehrt. Dies alles geschah hinter den Kulissen, ohne dass davon etwas in der Presse zu finden ist. Die Festschrift der BASF, deren Vertreter in den Verhandlungen eine wichtige Rolle spielten, widmet der Sache kein Wort. Mario König kennt diese Vorgänge denn auch nur, weil er Einsicht in Archive der Basler Chemie nehmen konnte.



Die Eisenbahn stößt an Grenzen

Als letzter Referent der Tagung kam Werner Transier (Speyer) zu Wort. Er
trug einen von ihm auf die erforderliche Kürze – die Referate sollten idealerweise jeweils 30 Minuten dauern – gebrachten Text Werner Schreiners (Neustadt an der Weinstrasse) vor, der wegen einer anderweitigen Verpflichtung (Tagung des ÖVWeltverbandes in Budapest) nicht am Offenburger Kolloquium teilnehmen konnte. Das Referat war unter dem Titel «Zur Geschichte des grenzüberschreitenden Eisenbahnverkehrs
am Oberrhein» angekündet. Darin wurden – detail- und kenntnisreich
und bisweilen im Schnellzugstempo – fast 200 Jahre Eisenbahngeschichte abgehandelt. 
Dass die beiden Weltkriege dem grenzüberschreitenden Bahnverkehr nicht förderlich waren, versteht sich leider fast von selbst. So endet etwa die Eisenbahnlinie Freiburg – Colmar, die bis kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs die beiden Städte verband, auf deutscher Seite heute noch immer in Breisach, von wo man auf französischer Seite mit dem Bus weiterfahren muss. Ebenfalls nicht förderlich für den Regionalverkehr war, dass man längere Zeit das Hauptgewicht auf den Fernverkehr legte und den Nahverkehr vernachlässigte bzw. Linien stilllegte. Hier scheint allerdings ein gewisses Umdenken stattzufinden. 



Fazit und Ausblick

Die Tagung in Offenburg war wieder eine gute Gelegenheit, sich über die
Grenzen – auch die des eigenen Vereins oder der eigenen Gesellschaft – hinaus kennenzulernen und verschiedene Einblicke in die vielfältige Geschichte der Menschen am Oberrhein mit nach Hause zu nehmen.
Mit 76 Teilnehmenden war sie erfreulich gut besucht. Es zeigt sich offenbar, dass ein zentraler Tagungsort eine größere Akzeptanz findet als eine Zusammenkunft, die am Rand des doch in seiner Nord-Süd-Ausdehnung fast 300 km messenden Raumes stattfindet; zur Erinnerung: Der Netzwerk-Raum reicht von der Südpfalz bis zum Jura.
Die nächste Tagung des Netzwerks wird in zwei Jahren in Sélestat-Schlettstadt stattfinden. Dann ist dort die Bibliothèque Humaniste wieder für das Publikum geöffnet und wird sicher zentral ins Kolloquium eingebaut sein.


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