Hier steckt
mehr drin, als
Sie denken!

Humanismus auf beiden Seiten des Rheins

Artikel über das NWGV-Kolloquium in Séléstat, der im November 2019 in der Zeitschrift 'Baselbieter Heimatblätter' erschienen ist

5. Grenzüberschreitendes Kolloquium des Netzwerks Geschichtsvereine am Samstag, 19. Oktober 2019, in der Bibliothèque Humaniste in Sélestat/Schlettstadt


Das trinationale Netzwerk Geschichtsvereine lädt alle zwei Jahre zu einem Kolloquium ein, an dem historische Themen aus den drei Ländern am Oberrhein beleuchtet werden. Diesen Herbst fiel die Wahl des Tagungsortes auf die neugestaltete Bibliothèque Humaniste in Sélestat.

Eröffnet wurde die Reihe der sechs Referate durch Pantxika de Paepe, der Konservatorin des Musée Unterlinden in Colmar. Sie befasste sich mit dem Leben und dem grafischen Werk von Martin Schongauer, dem berühmtesten Colmarer Künstler des ausgehenden 15. Jahrhunderts. Als Sohn eines Goldschmieds hat er seine erste Ausbildung sicherlich in der Werkstatt seiner Familie in Colmar erhalten. Am Ende des 15. Jahrhunderts fanden Goldschmiede als Stecher in der Herstellung der für die Druckgrafik erforderlichen Druckplatten ein neues Arbeitsfeld. Die Analyse der Kupferstiche Schongauers zeigt, dass er auch neuartige zeitgenössische Werke studierte, die er auf seinen Reisen kennen lernte. Seine eigenen Kupferstiche waren weit verbreitet, wurden häufig kopiert und inspirierten diverse Künstler. Bei den grafischen Werken aus Colmar handelt es sich um Werkstattarbeiten, die unter der Aufsicht Schongauers entstanden. Das lässt sich – wie de Paepe zeigte – auch an Schongauers Signatur ablesen, die je nach Graveur unterschiedlich ausgeführt ist. Für den Herbst 2021 ist im Musée Unterlinden eine Ausstellung zu Schongauer geplant, auf die man gespannt sein darf.

Um mittelalterliche Bildteppiche und ihre legitimatorische Funktion ging es im folgenden Referat. Wie diese zu verstehen ist, führte Hanns Hubach (Hassloch) am Beispiel der heute nicht mehr existierenden Bildteppiche der oberelsässischen Benediktinerabteit St. Leodegar vor, auf denen die Wohltäter der Abtei und die von ihnen gewährten Privilegien abgebildet waren. Diesen Bildteppichen kam in den Augen der damaligen Betrachter die Glaubwürdigkeit historischer Dokumente zu. Dass sie leichter verderben konnten als Dokumente auf Stein oder Pergament, war auch dem Benediktinermönch Sigismund Meisterlin bewusst und der Grund dafür, dass er sie in seiner Epistola de tapecijs antiquis in monasterio Morbacensi 1464 beschrieb. Mit repräsentativen Wandteppichen liessen sich auch fiktive Familienlegenden bzw. adliges Herkommen retrospektiv beglaubigen.

Mit Beatus Rhenanus (1485–1547) und dem Referat von Ueli Dill, dem Leiter der Handschriftenabteilung der Universitätsbibliothek Basel, kam auch die Geschichte von Rhenanus' Heimatstadt Schlettstadt zur Sprache. Unter den Handschriften der UB Basel gibt es nämlich zwei Abschriften eines kurzen Textes von Rhenanus. Im Zentrum dieses 1527 abgeschlossenen Werkleins steht Sélestat, aber es behandelt auch das ganze Gebiet der Triboker, also das Elsass. Der Text scheint für den Druck vorbereitet, aber nie gedruckt worden zu sein. Laut Dill ergibt ein Vergleich mit Rhenanus' 1531 publizierten Rerum Germanicarum libri tres (Drei Bücher zur deutschen Geschichte), in denen er die Vor- und Frühgeschichte von ganz Deutschland behandelt, dass die Abhandlung von 1527 schon viele der Themen und Thesen des grossen Werks enthält.

In der Mittagspause erwartete die Kolloquiumsteilnehmerinnen und -teilnehmer ein kaltes Buffet mit regionalen Fleisch- und Käsespezialitäten sowie Kaffee und Kuchen im «Brothaus», dem Haus der ehemaligen Schlettstädter Bäckerzunft von 1522. Danach folgte das Referat von Eugen Hillenbrand (Freiburg) über den wenig erfolgreichen Buchdrucker Killian Fischer aus dem hohenlohischen Städtchen Ingelfingen. Fischer versuchte sein Glück als Buchdrucker zunächst in Basel, zog dann aber in die Universitätsstadt Freiburg weiter, wo er wohl ein lebhafteres Bedürfnis nach den von ihm gedruckten Werken erwartete. Von 1491 bis 1495 verliessen nicht weniger als 17 Werke seine Freiburger Druckerei. Für Hillenbrand aus unternehmerischer Sicht unverständlich, druckte Fischer in Freiburg als Erstes eine einfache lateinische Bibel. Unverständlich deshalb, da seit der Mainzer Gutenberg-Bibel von 1454 bis 1490 mindestens 65 Ausgaben erschienen sind, davon alleine 14 in Basel und 10 in Strassburg. Fischer verlegte seinen Schwerpunkt danach auf die Herausgabe von Lehrbüchern für Theologiestudenten. Da der Geschäftserfolg offenbar ausblieb, zog er 1495 nach Offenburg weiter, womit er in der Nähe von Strassburg mit seinen weitläufigen Handelsbeziehungen war, aber sich mit den Strassburger Druckern auch einer starken Konkurrenz ausgesetzt sah. In Offenburg druckte er 1496 lediglich ein einziges Buch, dann zog er erneut nach Basel. Dort druckte er für das Bistum Sitten im Auftragsverhältnis ein neues Brevier. Es war wohl das letzte von Fischer gedruckte Werk. Sein Name taucht in Basel danach nur noch zweimal im Zusammenhang mit Schulden bei Basler Geschäftsleuten auf.

Einen anderen Aspekt der Humanistenstadt Basel beleuchtete Thomas Hufschmid, der unter anderem als Leiter Monumentenrestauration in Augusta Raurica tätig ist, in seinem Beitrag zu den Forschungen von Basilius Amerbach (1533–1591) im Römischen Theater von Augst. Im späten 16. Jahrhundert liessen eine Gruppe von Basler Bürgern, wohl in der Hoffnung, einen Schatz zu finden oder die antiken Steine wiederverwerten zu können, von 1582 bis 1585 in Augst Ausgrabungen durchführen. Die Leitung oblag zunächst dem für seine Bergbaukenntnisse bekannten Andreas Ryff. Der Basler Jurist und Altertumsforscher Basilius Amerbach besuchte die Ausgrabungsstelle wiederholt und dokumentierte seine Beobachtungen minutiös. Zudem kam er aufgrund von Vermessungen zum Schluss, dass man es in Augst mit den Ruinen eines Römischen Theaters zu tun hatte. (1)

Den Abschluss des anregenden Kolloquiums bildete das Referat von Jean Paul Sorg (Mulhouse) über Albert Schweitzer und sein Denken und Leben in Deutschland und Frankreich. Der am 14. Januar 1875 im Oberelsass geborene Schweitzer war zunächst 44 Jahre lang deutscher, dann bis zu seinem Tod im Jahr 1965 46 Jahre lang französischer Staatsbürger. Schweitzer war in der deutschen und französischen Sprache zu Hause. So schrieb er einmal: «Ich selber versuche immer, einen philosophischen Gedanken ins Französische zu übersetzen – um zu sehen, was von ihm von der Sprache unabhängig ist.»

Martin Stohler, Basel
(Mitglied der Gesellschaft für Regionale Kulturgeschichte Baselland)




(1) Mehr dazu in der von Thomas Hufschmied und Barbara Pfäffli herausgegebenen Publikation: Wiederentdeckt! Basilius Amerbach erforscht das Theater von Augusta Raurica. Basel (Schwabe) 2015.

Durch die Nutzung dieser Website erklären Sie sich damit einverstanden, dass unsere Dienste Cookies verwenden. Mehr erfahren OK